Ein Brief eines Vergewaltigungsopfers

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Auch wenn ich zu Herbst wurde, bin ich jetzt noch schöner

“Mein Name ist Bahar (Frühling in Persisch). Es ist Frühling und ich schreibe dir von Blumen, aber Blumen mit verstreuten Blütenblättern. Ich  schreibe dir von dem Grünen und von den Sprossen,  aber zerquetschte Sprossen, zertrampelt von Hass, Hass gegen die Schönheit und  was auch immer schön ist wie von hässlichen Seelen ausgelegt wird, Hass gegen jene, welche Gerechtigkeit  suchen für ein Bündel es auskaufen. Ich schreibe dir von denen die nicht wirkliche Männer sind.

Mein Name ist Bahareh Maghami, 28 Jahre alt und  es ist nichts mehr von mir übrig und es gibt keinen Grund mehr meinen Namen zu verstecken. Ich habe alle verloren, die mir einmal wichtig waren.  Ich habe  Verwandte und Freunde, Nachbarn und Weggefährten, Mitarbeiter und Kollegen verloren. Ich habe sie alle verloren. Diejenigen, die Vorgaben Männer (Menschen) zu sein, haben alles von mit gestohlen, so unfair. Sie haben mein Leben gestohlen. Jetzt da ich das Land verlassen habe, möchte ich meinen Schmerz mit jemandem teilen, auch wenn es nur einmal ist. Ich möchte auch Freunde bitten, die ein ähnlich schmerzhaftes Schicksal erlebt haben zu schreiben. Sie müssen schreiben, was ihnen passier ist. Selbst wenn sie sich um ihr Leben oder ihre Würde fürchten, sollten sich einen anonymen Namen verwenden, aber sie müssen schreiben. Sie müssen schreiben, damit die Geschichte sich bewusst ist, was unserer Generation  passiert; dieser schmerzerfüllten Generation. Sie müssen schreiben, damit die, die nach uns kommen und in einem freien Iran leben, wissen was für einen Preis wir für ihre Freiheit zahlten; wie  viele Leben verbrannt wurden und wie Hoffnungen schwanden; sie müssen über die gebrochen Rücken und gebeugten Knien wissen!

Als mein Vater es erfuhr, brach sein Rücken. Er zerbrach in Stücke. Meine Mutter wurde über Nacht hundert Jahre älter. Mein Bruder: ich konnte immer noch nicht in seine Augen schauen und er schaut mich auch nicht an; er will nicht, dass ich noch mehr leide wie ich bereits habe. Als er es herausfand, war es als nahmen sie ihm seine Männlichkeit weg. Als er herausfand, dass es Menschen gibt, die so tun als wären sie Männer, aber das einzige was übrigblieb waren ihre Genitalien, begann er seine eigene Männlichkeit zu hassen. Für diese hat Würde, Adel und Keuschheit keine Bedeutung. Ich war eine erste Klasse Lehrerin. Ich lehrte den kleinen Blumen unseres Landes wie zu lesen und zu schreiben. Ich lehrte sie “Vater brachte Wasser”, “Der Mann kommt”, “Der Mann bringt Brot”. Ich hatte ein Bild des Mannes als Ernährer. Ich habe auf seine Ankunft gewartet. Und jetzt hat sich dieses Bild verändert. Er ist wütend und geblendet von seinen Wünschen. Ich kann seinen infektiösen Geruch von Schweiss nicht mehr loswerden. Ich habe ständig Angst, dass er zurück kommt. Mitten in der Nacht springe ich aus Angst vor seinen Fussstapfen aus dem Bett. Mein ganzer Körper zittert beim kleinsten Geräusch und mein Herz schlägt schneller aus Angst vor seiner Ankunft. Ich bin immer bereit zu fliehen. Ich lasse das Licht in der Nacht an und verbringe meine Tage mit Tränen und Trauer!

Unser Haus lag in der “Kargar Shomali” Strasse. Ich ging zur Ghoba Mosche mit meinem Bruder, als ich verhaftet wurde. Sie schlugen und mich und haben mich mitgenommen und haben mich zerstört. Wie unser alter Dichter Hafez sagt: sie taten was die Mongolen machten!

Einige hatten gebrochene Armen, einige hatten gebrochene Beine, einige hatten gebrochene Rücken. Wieder andere hatten wie ich einen gebrochenen Geist. Zerbrochene Geister. Als wäre meine ganze Menschlichkeit weggenommen worden. Früher war ich ein Frühling. Jetzt bin ich tot. Ich bin ein zerquetschter Mais-Mohn.

Ich möchte  diejenige, die diesen Brief lesen, wenn sie jemanden kennen, der wie ich ein Vergewaltigungsopfer ist, bitten netter zu ihnen zu sein. Sich mit ihnen zu sympathisieren. Das Problem für mich und Leute wie mich ist, dass in unserer Kultur Vergewaltigung nicht nur ein Schlag gegen eine Person ist. Es ist ein Schlag gegen die ganze Familie und Sippe. Ein Vergewaltigungsopfer wird nicht durch das verstreichen der Zeit geheilt. Mit jedem Blick ihres Vaters, reissen die Wunden wieder auf. Ihr Herz bricht nochmals, mit jeder Träne die ihre Mutter vergiesst. Die Verwandten, Nachbarn und jeder schneidet ihre Beziehung ab. Wie wurden gezwungen unser Haus unter dem Marktwert zu verkaufen und nach Karaj (ein Vorort von Teheran) zu ziehen. Aber auch hier waren wir nicht lange. Die Agenten fanden unsere Adresse schnell und überwachten uns.  Sie würden an der Ecke unserer Strasse stehen und jedes Mal wenn meinn Vater an ihnen vorbei lief, würden sie schmunzeln. Wir liessen alles hinter uns und wanderten aus. Auf ihre alten Tage, wurden meine Eltern Flüchtlinge in einem Lager. Ich kann leicht sagen, dass die kulturellen Wunden viel schwieriger zu behandeln sind, als die physischen Wunden. Viele Menschen lächeln, wenn sie von Vergewaltigung hören. Ich schwöre, es gibt nichts Lustiges über Vergewaltigung! Es geht um das Leiden einer einfachen Familie; es geht um ein junges Mädchen oder Junge, welcher seine oder ihre Würde verlor; bricht die Würde der Liebe ist das nicht lustig. Diejenige, die mich vergewaltigten würden lachen! Es waren drei von ihnen. Alle drei waren dreckig und trugen einen Bart. Sie hatten einen fürchterlichen Akzent und stanken aus ihren Mündern. Sie fluchen über meine ganze Familie. Selbst als sie sahen, dass ich Jungfrau war, beschuldigten sie mich eine Hure zu sein und zwangen mich zu unterschreiben, ein Geständnis eine Prostituierte zu sein. Ich schäme mich nicht mehr es zu sagen. Nicht nur schäme ich mich nicht mehr, ich bin sogar stolz es zusagen: sie nannten mich Hure. Sie sagten: Unterschreibe das du Hure! Ich sagte ihnen, dass ich Lehrerin bin und ich nicht unterschreiben werde. Sie sagten, dass sie drei Zeugen haben, welche mich in einer Nacht mit drei Männern schlafen gesehen hatten. Und ich sagte ihnen, dass ich 30 Zeugen habe, dass ich Lehrerin bin, und wenn dies ist, was mir passierte dann wegen ihrer eigenen Schuld. Sie lachten als sie sagten: alles in allem nicht schlecht für dich! Deine Bezahlung hat sich jetzt erhöht! Das ist es, wie wertlos die Privatsphäre und Würde von Menschen für sie sind. Und wie leer die Worte Bescheidenheit und Keuschheit für sie sind. Sie hatten nie diese Tugenden gesehen. Sie hatten sie nicht. Für sie waren alle Frauen Huren. Es waren nicht nur Frauen.  Sie haben nicht mal Männer ausgeschlagen. Sie waren keine Menschen. Sie litten  unter Selbst- Unterordnung. Sie hatten sich in perverse Tiere verwandelt, die nichts wussten, ausser alles Schöne zu vernichten. Manchmal sehe ich Menschen die die Mütter und Schwester dieser Leute verfluchen. Diese Leute werden nicht einmal ihre eigenen Mütter und Schwestern ausschlagen. Ich habe Mitleid mit denen, die ihr ganzes Leben mit diesen tollwütigen Tieren leben müssen. Meine Vorderzähne brachen und meine Schulter war verschoben; Meine Weiblichkeit zerstört. Ich weiss, dass ich nie fähig sein werde, einen Mann zu lieben; Ich werde nie in der Lage sein ihm nahe zu sein und ihm zu vertrauen. Ich weiss, dass mein Land viele tapfere Männer hat, die auch viel gelitten haben, aber für mich sind wahre Männer und vorgegebene Männer das gleiche. Mein Leben als Frau hat ein Ende erreicht und ich bin wie eine lebende Tote. Aber ich schreibe. Ich schreibe im Auftrag um meine Lebendigkeit wieder zu erlangen. Ich schreibe, dass ich Lehrerin war und zur Prostituierten wurde und jetzt bin ich eine Schriftstellerin. Ich schreibe, dass ich der Bahar (Frühling) war und obwohl ich zum Herbst wurde, bin ich für das noch schöner. Ich bin eine schöne Hure; ich verwandelte mich in die Ausgestossene unserer Nachbarschaft; ich verwandelte mich in die Lehrerin ohne Klassenzimmer; ich wurde zum Gegenstand des Spotts; verurteilt zu Einsamkeit; eingetaucht in die Ungerechtigkeit der Unterdrücker; für die Islamische Republik wurde ich zur Frau mit dem Haarschnitt, gebrochene Arme und blutiges Gesicht. So bin ich stolz eine Hure für Freiheit zu sein. Ich weiss, dass ich nicht allein bin. Ich höre ihre Stimmen; in der nächsten Zelle; wenn mein lebloser und nutzloser Körper am Boden lag, hörte ich viele Male wie diese Möchtegern-Männer ihre Männchlichkeit zeigen. Ich bitte alle Menschen, die wie ich gelitten haben, zu schreiben. Sie müssen ihre Leiden rauschreien, so wie sie es können, denn es sind die gleichen Schmerzen wie es Sadegh Hedayat (zeitgenössischer Schriftsteller) bezeichnet, als “Schmerzen die auf  den Seelen der Menschen kauen.” Lasst alles herauskommen. Lasst es jeden wissen. Du sollst erkennen, dass du nicht alleine bist. Es gibt viele wie mich und du. Wir teilen alle diesen Schmerz.

Dieser Brief des Leidens ist viel länger als dieser. Aber ich beende ihn mit einem Satz. Ich richte mich an Herr Khamenei: ” Du betrachtest dich als den Vater der Nation. Ich war eine Tochter des Iran. Deine Söhne haben mich vergewaltigt. Wer wird für meine verlorene Würde zahlen?”
Bahareh Maghami

April 2010, Deutschland

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5 comments

  1. Hallo Frau Bahareh Maghami,
    ich habe mit sehr großer Anteilnahme Ihren Brief gelesen. Ich habe als Ausländer von 1994-2000 aus geschäftlichen Gründen in Teheran gelebt und war vor 1994 dreimal als Geschäftsreisender in Teheran. Ich kann mit Ihnen fühlen, dass es Ihnen nicht leicht fallen dürfte, sich wieder einem Mann anzuvertrauen, nach den Schilderungen Ihrer gehabten Erlebnisse. Ich möchte aber, dass Sie in Ihrem eigenen Interesse wieder lernen Vertrauen zu fassen und das männliche Geschlecht nicht pauschal über einen Kamm scheren. Immerhin haben Sie einen Vater und einen Bruder, die Sie lieben. Männer, aus den Reihen der Pasdaran oder denen der Basijis sind Monster ohne Hirn und Gefühl, die können Sie nicht verwunden, es ist so, als hätten Sie sich an einem Gegenstand verletzt. Ich habe iranische Mitarbeiter gehabt; Frauen die mich betrogen haben und Männer ebenso, wurden sie erwischt, haben sogar die Männer auf Kommando zu weinen begonnen, um im nächsten Moment wieder unverschämt zu werden. Es liegt an der Kultur und am System, nicht an der Religion. So viel Korruption in religiösen Kreisen wie im Iran, können Sie sich gar nicht vorstellen. Waschen Sie Ihre Seele vom Schmutz ab und geben Sie sich selbst eine faire Chance. Ich bin sicher, Sie können mit Ihren wahren Gefühlen jeden Mann der so fühlen kann wie Sie, glücklich machen und sich selbst damit auch.
    zijad sa`d bolbol.
    Chibcha

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